Gewerbeentwicklung Warschauer Straße
Hinten hui, vorne pfui?
Die Klagen der Einzelhändler über den Zustand der Warschauer Straße sind altbekannt, und wer die einst blühende Einkaufsmeile entlanggeht, wird in der Tat wenig Einladendes finden: Ramschläden, heruntergekommene, seit langem leer stehende Gewerberäume, dazu der ewig tosende Verkehr. In den Gewerbehöfen hat dagegen das moderne Friedrichshain Einzug gehalten. Zum Teil versteckt, im dritten oder vierten Hof, haben sich Werbeagenturen und Internetfirmen angesiedelt. Dort arbeiten Menschen, die wenig mit dem Kiez zu tun haben. Zwei Welten, die bislang nicht zusammengefunden haben - obwohl beide davon profitieren könnten.
Von einer "rasanten Gewerbeentwicklung im Gebiet um die Warschauer Straße" spricht man im Büro für Wirtschafts- und Projektberatung (BWP), das im Auftrag des Bezirksamts die Gewerbetreibenden in den Sanierungsgebieten betreut. "Die Nachfrage nach Fabriketagen boomt wie nie zuvor, es gibt bereits erste Engpässe", so der Leiter des BWP, Tilo Tragsdorf. Der mit öffentlichen Mitteln umgebaute Comeniushof meldet Vollvermietung und auch die anderen Gewerbehöfe im Gebiet sind gut ausgelastet. "Seit etwa zwei Jahren registrieren wir einen großen Sprung, der Dienstleistungsbereich explodiert geradezu", berichtet Tilo Tragsdorf (siehe auch Tabelle rechts). Dass gerade die Fabriketagen so begehrt sind, liegt nach seiner Einschätzung nicht nur am Standort Friedrichshain. Insbesondere die kreativen Branchen schätzen das Flair der alten Industriearchitektur und die hellen großzügigen Räume. Und allein das Gebiet Warschauer Straße hat 30 Gewerbehöfe in allen Größen zu bieten, die meisten sind mittlerweile saniert. Die Mieten liegen im Schnitt bei 13 bis 15 DM. "Das ist nicht billig, aber ein vernünftiger Preis, auch wenn mir immer wieder Interessenten sagen, dass es in Kreuzberg die Fabriketage schon für 10 DM gibt", sagt Tilo Tragsdorf.
Im Vergleich zum Bezirk Mitte sind die Mieten dagegen niedriger, weswegen Friedrichshain bei vielen Unternehmen als preisgünstige Alternative gilt.
Doch es ist nicht alles High Tech in den Gewerbehöfen. Die Mischung ist bunt, nach wie vor gibt es auch produzierende Betriebe - im Comeniushof ein Drittel - und kleine Handwerksfirmen. Die Zuzüge gehen aber ganz klar auf den Dienstleistungsbereich zurück. "Die Talsohle nach dem Zusammenbruch der Industrie ist eindeutig durchschritten", so Tragsdorf.
Und das Sorgenkind Einzelhandel? "Die Straße wird schlechter geredet, als sie ist", meint Tilo Tragsdorf. So ergab eine kürzlich vom BWP durchgeführte Zählung, dass von den rund 100 Läden derzeit gerade mal 17 leer stehen. Ihre ursprüngliche Bedeutung werde die traditionsreiche Straße aber nicht mehr erlangen, so der Leiter des BWP.
Einzelhandel in der Warschauer Straße: Von 100 Läden stehen 17 leer
Weiter in der nächsten Spalte 
|
Das sieht die "Interessengemeinschaft (IG) Warschauer Straße", ein 1997 gegründeter Zusammenschluss von Einzelhändlern, etwas anders. Das Problem sei vor allem der nicht mehr vorhandene Branchenmix, meint Wolfgang Kloster von der IG: "Wenn ein alteingesessenes Geschäft dicht macht, kann man darauf warten, dass entweder ein 99-Pfennig-Laden oder ein Imbiss aufmacht." Die IG setzt sich vor allem dafür ein, das äußere Erscheinungsbild der Straße zu verbessern, und organisiert Straßenfeste sowie die regelmäßig stattfindende "Aktion Saubere Straße". "Das sind oft kleine Schritte, die die Aufenthaltsqualität verbessern, wie zum Beispiel das Aufstellen der City-Toilette, die auf unsere Initiative zurückgeht", betont Kloster. Große Hoffnungen setzt der erste Vorsitzende der IG, Rolf Rossbach, auf die Gestaltung des Mittelstreifens. "Die Straße hat das Potenzial, wieder zu einer wichtigen Einkaufsadresse zu werden - auch für Kunden von außerhalb."
Thomas Lenkitsch von der "Beratungsgesellschaft für Stadterneuerung und Modernisierung" (BSM) sieht noch andere Chancen für die Straße. Lenkitsch war ein Jahr lang vom Bezirk als "City-Manager" für die Warschauer Straße tätig. Er sagt: "Es gibt zu wenig interessante Angebote für die Mitarbeiter der neu angesiedelten Dienstleister, denn die wollen in der Mittagspause doch auch mal was essen und sie würden sicher auf dem Nachhauseweg mal schnell in einen CD-Laden springen, wenn sie entsprechend interessante Geschäfte kennen würden."
"Der Einzelhandel ist gefordert, sich auf diese neue Klientel einzustellen", sagt auch Tilo Tragsdorf vom BWP. Er geht davon aus, dass schicke Designer-Geschäfte, Feinkostläden und Szenefriseure den neuen Dienstleistern nachfolgen werden. "Das wird sich noch entwickeln. Von der Oberbaumcity als Multimedia-Standort profitiert bereits jetzt das gesamte Quartier."
"Jemand müsste die neu zugezogenen Betriebe fragen, an was sie interessiert sind und welche Kooperationen sie sich vorstellen können", so Thomas Lenkitsch. "Vielleicht wollen die Mitarbeiter auf dem Mittelstreifen Boule spielen. Oder sie haben Bedarf an Trekking-Zubehör." Sein Eindruck: Derzeit läuft die Entwicklung zu passiv. "Es fehlt, dass einer kräftig rührt und zwischen diesen beiden Welten vermittelt." Eine, die sich bereits auf die neuen Multimedia-Firmen eingestellt hat, ist Sibylle Krämer. Im November letzten Jahres hat sie in der Grünberger Straße 48a ihre Buchhandlung eröffnet. Sie wollte von Anfang an ganz gezielt in die Nähe der Grünberger Höfe. Zum einen, weil sich "in dieser Gegend etwas entwickelt", wie sie sagt, zum anderen aber auch, weil sie sich auf Fachliteratur über Computer spezialisiert hat und daher möglichst nah dran sein wollte an den IT-Firmen, die sich in den Grünberger Höfen angesiedelt haben. Bis jetzt hat sie ihre Zielgruppe noch nicht erreicht: "Die bestellen ihre Bücher wohl übers Internet und kaufen bei mir höchstens mal einen Roman oder eine Zeitschrift", erzählt Krämer. Ihr Eindruck: "Das sind oft Leute, die nur hier arbeiten und vielleicht gerade noch zur Mittagpause mal rausgehen, aber ansonsten wenig mit dem Kiez zu tun haben." Dennoch ist sie mit dem Standort zufrieden. Ihre Kunden sind vor allem Studenten und Anwohner. "Die Gegend hier hat Szenegeruch", meint Sibylle Krämer. Ein Verlagsvertreter habe kürzlich sogar zu ihr gesagt: "Das wird ja hier wie in New York!" Auch sie hat den Eindruck, dass bei den alteingesessenen Geschäftsleuten und der Szene zwei Welten aufeinander treffen: "Das fängt schon mit Kleinigkeiten an. Ich kenne viele Leute, die in der Warschauer Straße nicht mehr einkaufen, weil die Geschäfte da samstags um ein Uhr zumachen", meint die Buchhändlerin.
"Die zukünftige Entwicklung wird von denen bestimmt, die hier ihren Arbeitsplatz haben, denn aus der Bevölkerungsstruktur kann sie nicht kommen, da fehlt die Kaufkraft", meint Tilo Tragsdorf vom BWP.
|
Einer von 30: An den Gewerbehöfen schätzt man die alte Industriearchitektur
Firmen in den Grünberger Höfen
"Die Nachfrage boomt wie nie zuvor": Tilo Tragsdorf, Leiter des BWPr
"In dieser Gegend entwickelt sich etwas": Buchhändlerin Sibylle Krämer in ihrem Laden in der Grünberger Straße 48
|