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FRIEDRICHsHAIN im Gespräch

Alte und neue Ökonomie im Blick

Das Profil des Wirtschaftsstandorts Friedrichshain muss neu definiert werden, meint der neue Sozial- und Wirtschaftsstadtrat im Großbezirk, Lorenz Postler (SPD). Er verspricht: Lokale Wirtschaftsförderung wird im Bezirk einen völlig neuen Stellenwert erhalten.

FRIEDRICHsHAIN: Sie sind der einzige Stadtrat in Berlin, der für Wirtschaft und Soziales zuständig ist. Sollen mit diesem ungewöhnlichen Ressortzuschnitt neue Akzente gesetzt werden?

Postler: Es ist ein Versuch, neue Wege zu beschreiten, indem man all das zusammengeführt hat, was mit Arbeit und Beschäftigung zu tun hat. Auch die Koordinierung der EU-Mittel und die Ausbildungsverbünde fallen jetzt in mein Ressort. Mit diesem neuen Ansatz soll auch die Durchlässigkeit des so genannten zweiten, geförderten Arbeitsmarkts zum ersten Arbeitsmarkt gestärkt werden. Dass Mitarbeiter der Sozialämter schon seit einiger Zeit in die Betriebe gehen, um Jobs zu akquirieren, ist ja schon eine Durchbrechung dieser klaren Trennung. Mir wird zunehmend bewusst, dass das ein Spagat ist, weil es auf beiden Seiten Misstrauen gibt. Man muss aber begreifen, dass man nicht mehr gegeneinander arbeitet, sondern miteinander. Ich sage aber auch ganz klar: Priorität hat der erste Arbeitsmarkt.

FRIEDRICHsHAIN: Wie beurteilen Sie die wirtschaftliche Entwicklung im Sanierungsgebiet Warschauer Straße? Ist ein Aufschwung zu beobachten?

Postler: Wir sind mit der Situation in diesem Gebiet recht zufrieden, Sorgen bereitet uns eher das Gebiet ums Ostkreuz. Die Auslastung der Gewerbehöfe ist zufriedenstellend und der Ladenleerstand in der Warschauer Straße ist mit 17 Prozent nicht dramatisch. Trotzdem gibt es Bereiche, die ganz klar hinter unseren Erwartungen zurückbleiben. So glaube ich, dass es nicht mehr gelingen wird, die Warschauer Straße als überörtlich bedeutsame Geschäftsstraße am Markt zu halten. Das hat mit dem veränderten Einkaufsverhalten und der zunehmenden Konkurrenz zu tun. Wir haben in Friedrichshain zwar einen starken Zuzug von Studenten. Die haben aber eher Bedarf hinsichtlich ortsnaher Einkaufsmöglichkeiten für Waren des täglichen Bedarfs.

FRIEDRICHsHAIN: Welche Schwerpunkte wollen Sie bei der Wirtschaftsförderung setzen?

Postler: Wir sind zurzeit erst dabei, die großen wirtschaftspolitischen Zielvorstellungen zu definieren. Fest steht für mich, dass sich der Wirtschaftsbereich sehr viel stärker in die politische Strategie des Bezirkes einbringen muss. Da gibt es natürlich Konkurrenzen und Konflikte. Wirtschaftsförderung wird eine völlig neue Wertigkeit bekommen im Bezirk, das kann ich garantieren. Ein wesentliches Konzept ist für uns auch die Bestandspflege. Den klassischen Handwerksbetrieb zu halten ist uns genauso wichtig wie die Ansiedlung neuer Branchen.

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FRIEDRICHsHAIN: Mit welchen Argumenten wollen Sie bei Investoren für den Bezirk werben? Warum sollte sich eine junge Softwarefirma beispielsweise in Friedrichshain ansiedeln und nicht in Prenzlauer Berg?

Postler: Zum Beispiel weil wir uns intensiv um die Gewerbetreibenden kümmern und ihnen einen kompakten Service bieten: mit einem Vor-Ort-Büro, einer Gewerberaumbörse, Beratung und Betreuung bei sanierungsbedingter Verlagerung und auch speziel- len Angeboten für das produzierende Gewerbe. Das ist völlig neu für ein Sanierungsgebiet und hat sich ausgezahlt. Wir werden deshalb versuchen, das auf Kreuzberg auszudehnen. Bisher hat man sich dem lokalen Wirtschaftsnetz viel zu wenig gewidmet. Werben können wir auch mit den großen Firmen, die sich bereits bei uns niedergelassen haben. Standorte wie die Oberbaum-City haben ja bereits eine Sogwirkung entfaltet. Ein ähnlicher Effekt könnte auch von dem "Internationalen Solarzentrum" ausgehen, das am Ostbahnhof entstehen soll.

FRIEDRICHsHAIN: Sie sehen Friedrichshains Zukunft also in der so genannten New Economy?

Postler: Die wird auf jeden Fall ein wichtiger Faktor sein, aber wie gesagt: Die großen Leitbilder, womit der Bezirk in Zukunft werben will, sind noch nicht festgelegt. Wir haben zum Beispiel von einem Wirtschaftsinstitut den Hinweis bekommen, dass der Tourismusbereich entwicklungsfähig ist. Auch das könnte also ein großes Marktpotenzial für den Bezirk werden.

FRIEDRICHsHAIN: Wie wollen Sie die arbeitssuchenden Friedrichshainer zu den Jobs bringen, die im Bereich der Neuen Medien entstehen? Die meisten bringen wohl nicht die notwendigen Qualifikationen mit.

Postler: Das ist richtig. Deswegen setzen wir auch auf traditionelles Handwerk und produzierendes Gewerbe. Auf der anderen Seite glaube ich, dass diese Arbeitskräfte im Bezirk durchaus vorhanden sind, es spürt sie nur niemand auf. Wir wollen durch individuelle Vermittlung und Gesprächen beim Arbeitgeber vor Ort beides zusammenbringen. Zu diesem Zweck planen wir, ein "Kompetenzzentrum" im Bezirk zu gründen, wo alle Akteure in einem Haus zusammenarbeiten.

"Erhalt von Betrieben und Ansiedlung neuer Branchen sind gleich wichtig":
Lorenz Postler, Sozial- und Wirtschaftsstadtrat von Friedrichshain-Kreuzberg
















































Standort mit Sogwirkung: die neue Oberbaum-City

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