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"Schokoladenfabrik"

Unter Ölfarbschichten lag die alte Pracht

Die ehemalige Bonbon-, Marzipan- und Schokoladenfabrik in der Richard-Sorge-Straße 22 ist zu einer "guten Adresse" in Friedrichshain geworden. Bauherr, Denkmalpflege, Architekten und Restauratoren haben aus dem Gründerzeitbau gemeinsam ein kleines Vorzeigeobjekt wiedererstehen lassen.

Selbst bei bedecktem Himmel fällt die Fassade in der langen Häuserfront auf. Frisch gestrichen leuchtet ein äußerst helles Grüngelb. Vor allem aber fallen an dem Haus die geschwungenen, schmiedeeisernen Balkone auf, deren Gitterbrüstungen von üppig wuchernden Ranken gebildet werden. Auch vom Bürgersteig aus kann der vorbeischlendernde Spaziergänger die großen Blätter gut erkennen.

Einen weiteren Hinweis darauf, dass hier nicht einer der üblichen Durchschnittswohnbauten vom Ende des 19. Jahrhunderts restauriert wurde, geben die Erker mit ihren ungewöhnlich geschwungenen Wänden. "Wir wussten, dass das Haus etwas Besonderes ist. Wenn man seinerzeit das unsanierte Treppenhaus betrat, konnte man sich mit etwas Phantasie ausmalen, wie es werden könnte", schwärmt Dieter Krebs, der Landesvorsitzende des "Union Hilfswerks" immer noch. Der Wohlfahrtsträger Union Hilfswerk, der heutige Bauherr der Nummer 22, hat seine Büroräume unter gleicher Adresse bezogen.

Als der ursprüngliche Bauherr und Fabrikbesitzer Hugo Lehmann im Jahr 1896 den ersten Spatenstich für seine Bauunternehmung an gleicher Stelle machte, zählte er zu den Pionieren, die im südlichen Abschnitt der Richard-Sorge-Straße, die damals noch Tilsiter Straße hieß, mit der Bebauung begannen. Er hatte seinen Architekten Reinhard Brehm mit dem Entwurf einer Mietshaus- und Fabrikanlage beauftragt. Eine so genannte Zweihofanlage schwebte ihm vor. Nichts Ungewöhnliches für die Gegend um die Frankfurter Allee, wo sich damals auch Gewerbe und Industrie ansiedelten und ein enges Nebeneinander von Wohnen und Arbeiten existierte.

Der Architekt Brehm entschied sich, bei der Gestaltung des Mietshauses gleich zwei Stile zu verwenden: Den Neorokoko hielt er für würdig genug, die Straßenansicht zu prägen, während er auf den hofseitigen Fassaden den Klassizismus verwirklichte. Fugenputz im Erdgeschoss und Fensterrahmungen in den Obergeschossen sorgen für eine gewisse formale Strenge. Beides sind Indizien dafür, dass sich die Repräsentationsabsichten des Bauherrn nicht nur auf einen flüchtigen Straßeneindruck beschränkten, sondern die aufwändige Bauausführung so etwas wie eine allesdurchdringende Leitlinie war.



Die Gestaltung der Fabrikanlage im Quergebäude richtet sich dagegen ganz nach der damals üblichen und bewährten Norm für diesen Bauzweck. Der einfache viergeschossige Bau ist mit gelben und roten Verblendziegeln verkleidet. Trotzdem wird noch die schlichte Zweifarbigkeit schmückend eingesetzt. Die großen Fenster sorgen auch im Hinterhof für ausreichende Belichtung der Räume.

Das Produktionsgebäude sollte ursprünglich eine Bonbon-, Marzipan- und Schokoladenfabrik beherbergen - doch dazu kam es nicht. Die Fabrik wurde nie richtig in Betrieb genommen, sondern schon kurz nach ihrer Fertigstellung verkauft. Ein typisches Beispiel für Betriebsgründungen am Ende des 19. Jahrhunderts, die oft innerhalb kürzester Zeit entweder wegen Bankrotts oder anderweitiger lukrativerer Möglichkeiten aufgegeben wurden. Die Anlage existiert auch heute noch in ihrem kompletten, ursprünglichen Zusammenhang und ist als Ensemble unter Denkmalschutz gestellt - als eines der wenigen noch erhaltenen Zeugnisse aus dieser Entwicklungsphase in Friedrichshain.

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Professionell restauriert: Ehemalige Schokoladenfabrik in der Richard-Sorge-Straße 22

Wenn auch die äußere Fassade heute nicht mehr den ursprünglichen dekorativen Reichtum aufweist, so sind im Inneren des Hauses der Eingangsbereich und das Treppenhaus in ihrer alten Pracht wieder zum Vorschein geholt worden. "Wir fanden mehrere Schichten von Ölfarbe vor. Niemand ahnte zunächst, was sich ganz zuunterst befand", berichtet Heike König vom Architektur- und Planungsbüro MKS, das die Bauausführung betreute. Heike König veranlasste die ersten Voruntersuchungen - und bald schon wurden professionelle Restauratoren hinzugezogen. Unter allen Anstrichen kam eine rötlich-braun schimmernde Stuccolustrofläche zum Vorschein, die - in sich gegliedert in verschieden getönte Wandfelder und Bänder - dem Eingangsbereich einen äußerst repräsentativen Charakter verlieh. Stuccolustro als seltene Frescotechnik ist nur entfernt vergleichbar mit der bekannteren Herstellung von Stuckmarmor.

Die Aufnahme in das Denkmalschutzförderprogramm, das sich in den letzten Jahren vor allem um den Erhalt und die Restaurierung von Treppenhäusern in den Bezirken Mitte und Prenzlauer Berg verdient gemacht hat, wurde besiegelt. Endlich sollte auch ein Objekt im Bezirk Friedrichshain hinzukommen, der "ehemals reich gesegnet mit stattlich ausgestalteten halböffentlichen Innenräumen war; dieser Bestand jedoch ist hier durch Kriegseinwirkung und Nachkriegssanierung arg eingeschränkt worden", so die Begründung des Landesdenkmalamtes. Die Kosten für die Restaurierung teilten sich die Deutsche Stiftung für Denkmalschutz, das Deutsche Denkmalschutzamt und das Union Hilfswerk.

Die Restauratorengesellschaft "Buch & Schudrowitz" entwickelte zunächst eine bestimmte Technik, um die Wandflächen freizulegen. "Eigentlich sollte die Freilegung nur bis zum ersten Stock erfolgen, aber wir haben zum gleichen Preis das gesamte Treppenhaus geschafft", erklärt Andreas Schudrowitz. "Eineinhalb Tonnen einer speziellen Abbeizpaste haben wir dafür verbraucht - um nur mal eine Zahl zu nennen", so seine eigene "Gewichtung" dieser Arbeit. Die Begeisterung über das Wiederhervorholen der authentischen Oberfläche von vor hundert Jahren ist ihm immer noch anzumerken. "Wir haben nichts neu gemacht, nur die Fehlstellen, wo Leitungen unter Putz gelegt werden mussten oder andere Zerstörungen im Laufe der Zeit aufgetreten waren, haben wir ergänzt. Das ist wirklich der Hit: Alles komplett freizulegen und einen authentischen Eindruck zu ermöglichen."



Auch Dieter Krebs vom Union Hilfswerk ist mit dem Ergebnis mehr als zufrieden: "Die Vermietung ist hier überhaupt kein Problem." Dem Passanten allerdings bleibt der Anblick des grandiosen Treppenhauses verwehrt, lediglich in der Tordurchfahrt kann er an den Gewölben noch vereinzelt den Abglanz einer einstigen Deckenbemalung erkennen.

Professionell restauriert: Ehemalige Schokoladen-
fabrik in der Richard-Sorge-Straße 22



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