Gewerbestandort Friedrichshain
Der Strukturwandel macht Hoffnung
Der ehemalige Industriebezirk an der Spree hat sich gemausert. In den stillgelegten Fabriken Friedrichhains sitzen mittlerweile Kopfarbeiter von Multimedia- und Internetfirmen, und in den restaurierten Gewerbehöfen finden sich Fitnessstudios und Modedesigner statt KFZ-Werkstätten und Fliesenlegern. Das Internet-Unternehmen "dooyoo.de" hat ebenso seinen Sitz in Friedrichshain wie die renommierte Agentur "pixelpark". Die ersten Anzeichen für einen Aufschwung zum modernen Dienstleistungsstandort?
Geradezu symbolisch für den Strukturwandel der vergangenen Jahre steht die Oberbaum-City: Auf dem Gelände der ehemaligen Glühlampenfabrik Osram (später: Narva) entsteht nach umfangreichen Sanierungsarbeiten ein hochmoderner Dienstleistungsstandort. Etwa 5000 Arbeitsplätze sollen geschaffen werden, vorwiegend aus den Zukunftsbereichen Design, Multimedia und Informationstechnologie. "Eine Multimedia-Stadt mittendrin in Berlin", heißt es im Prospekt des Projektentwicklers über die Oberbaum-City. Eine Sogwirkung auf andere Branchen ist abzusehen, zumal neben dem Zugpferd "pixelpark" unter anderem auch das "Internationale Design"- Zentrum und eine Existenzgründerwerkstatt für junge Multimedia-Unternehmen dort ansässig sein werden. Der Vermietungsstand für die bereits fertiggestellten Flächen liege bei etwa 75 Prozent, sagt die Pressesprecherin Dirka Kalesse: "Wir sind zufrieden".
Fest steht: Friedrichshain scheint die schlimmste Durststrecke nach dem Zusammenbruch der Industrie überwunden zu haben. Bis zur Wende gab es 20 große Industriestandorte im Bezirk, neben Narva beispielsweise ein Möbelkombinat, das "Druckhhaus Friedrichshain" und die "Knorr-Bremse". Mit der Schließung sämtlicher größerer Fertigungsbetriebe gingen rund 20000 Arbeitsplätze verloren, und Friedrichshain wurde zu einem der strukturschwächsten Bezirke Berlins. Immer noch stehen den 62 000 Friedrichshainern im erwerbsfähigen Alter nur 32 000 Arbeitsplätze im Bezirk gegenüber.
Einig sind sich jedoch alle Beobachter, dass erhebliche Entwicklungspotenziale vorhanden sind. "Friedrichshain müsste eigentlich ein idealer Standort sein, schon wegen der zentralen Lage und der ausgezeichneten Verkehrsanbindungen", meint Wolfram Kaune vom Gewerbeförderverein. Trotzdem sieht er die Lage des Gewerbes nicht so rosig. Es seien zwar Büros und Dienstleister an Stelle der Industrie gekommen, diese hätten aber nicht die erhofften Arbeitsplätze gebracht. Große Probleme sieht er auch im Einzelhandel. "Die Kaufkraft ist relativ gering, in der Frankfurter Alle machen immer mehr Billiganbieter auf und in der Karl-Marx-Allee stehen reihenweise Gewerberäume leer", sagt Kaune. Immer mehr Handwerksbetriebe, so Kaune, ziehen auf die grüne Wiese oder geben ganz auf.
Da mit der Neuansiedlung von großen Industrieunternehmen nicht zu rechnen ist, konzentrieren sich die Bemühungen des Bezirks darauf, kleine und mittelständische Unternehmen zu halten und neue anzusiedeln. Die gewachsene Mischung von Wohnen und Arbeiten soll dabei erhalten bleiben. Das gilt insbesondere auch für die Sanierungsgebiete. In der Neunten und Zehnten Verordnung über die förmliche Festlegung von Sanierungsgebieten ist formuliert, dass die vorhandene, überwiegend kleinteilige Gewerbestruktur zu sichern und weiterzuentwickeln ist.
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Um diese Ziele umzusetzen und Gewerbetreibende vor Verdrängung zu schützen, wurde 1995 ein Maßnahmenpaket realisiert, das - verglichen mit anderen Bezirken - ganz neue Wege einschlägt. So hat das Bezirksamt für die Sanierungsgebiete einen Orientierungsrahmen zur Ermittlung der Gewerbemieten beschlossen. Er dient als Richtschnur bei der Beurteilung der sanierungsrechtlichen Genehmigungsfähigkeit von Gewerbemietverträgen. Gute Erfahrungen hat man mit der Gewerberaumbörse gemacht. Sie bietet sanierungsbetroffenen Betrieben und ansiedlungsinteressierten Unternehmen eine Übersicht über fast alle im Bezirk verfügbaren freien Gewerbeflächen. Und zum vielbeachteten Vorzeigeprojekt ist mittlerweile der Comeniushof geworden. Einmalig für Berlin ist bei diesem Modell, dass der Bezirk selbst die Trägerschaft für das Gewerbezentrum übernommen hat. Die Fördermittel von Bund, Land und EU werden über die niedrige Miete an die Gewerbemieter weitergegeben. Der Bezirk hat zudem ein 20-jähriges Belegungsrecht für die Gewerbeflächen. Damit sollen in erster Linie Handwerksbetrieben und produzierendem Gewerbe günstige Flächen angeboten werden, um eine Verlagerung an den Stadtrand zu verhindern. 80 Prozent der Flächen sind derzeit vermietet, mit der Fertigstellung wird demnächst gerechnet.
Ist es mit diesem Bündel an Maßnahmen gelungen, die Verdrängung von alteingesessenen Geschäften und kleinen Handwerksbetrieben zu verhindern und neue Investoren anzulocken? "Im Großen und Ganzen ja", meint Peter Hilleker, Leiter des Wirtschaftsamtes. Die Hotellerie boomt. 1989 gab es kein einziges Hotel, heute sind es 13 Hotels und demnächst eröffnen drei Hostels. Viele junge Dienstleistungsunternehmen sind nach Friedrichshain gezogen und Friedrichshains Kneipenszene ist berlinweit bekannt. "Eine 08/15-Gastronomie", so Hilleker habe rund um die Simon-Dach-Straße keine Chance mehr: "Wir wundern uns manchmal, was in dieser Lage an Miete gezahlt wird - manch einer übernimmt sich da."
Sorgen macht ihm das alte Handwerk: "Mein Herz hängt an Goldschmieden, Korbflechtern oder Schuhmachern. Davon gibt es aber immer weniger." Als Grund sieht er die mangelnde Kaufkraft und die Tatsache, dass der Großhandel einfach billiger sei. Insgesamt, so der Leiter des Wirtschaftsamtes, kann man optimistisch sein: "Unsere Bemühungen zeigen Früchte".
Ganz ähnlich sieht es das Büro für Wirtschaft- und Projektberatung (BWP), das im Auftrag des Bezirksamtes die Gewerbetreibenden betreut (siehe auch Beitrag rechts). Beim BWP verweist man auch auf den Zukunftsstandort Spreegürtel: Entlang der Bahnanlagen bis zur Halbinsel Stralau sollen neben der Oberbaum-City und den Spreespeichern in naher Zukunft weitere Projekte entstehen, die innovatives Potential in das Gebiet bringen.
Über all den neuen Medien und der innovativen Technologie sollte jedoch die Bedeutung der alteingesessenen Fachgeschäfte und Handwerksbetriebe nicht unterschätzt werden. Wie sich Alt und Neu verbinden lassen, zeigt sich exemplarisch an Friedrichshains Gewerbehöfen, wo Computerfirmen neben Malerbetrieben zu finden sind. Angepasst an die heutige Zeit, mit einer lebendigen Mischung von Wohnen und Arbeiten, knüpfen sie an die Geschichte Friedrichshains als Industriebezirk an.
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Auf dem Weg zum hochmodernen Dienstleistungsstandort mit 5000 Arbeitsplätzen: Oberbaum-City auf dem ehemaligen Osram-Gelände
Vielbeachtetes Vorzeigeprojekt der Comeniushof im Sanierungsgebiet Warschauer Straße
"...eigentlich ein idealer Standort": Wolfram Kaune vom Gewerbeförderverein
"Manch einer übernimmt sich": Peter Hillecker, Leiter des Wirtschaftsamtes Friedrichshain
Pleiten und Leerstände: Friedrichshains Einzelhandel hat Probleme
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