Geschichte  

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Reformwohnungsbau Proskauer Straße

100 Jahre Gold

"Gruss aus Berlin O." - Auf der historischen Postkarte steht die Samariterkirche allein auf weiter Flur. Die einzige Bebauung ist die "Wohnhausanlage des Berliner Spar- und Bauvereins an der Proskauer Straße". Die Aufnahme muss kurz vor 1900 entstanden sein. In den Jahren 1897/98 wurde der Komplex auf der Blockecke Proskauer/Schreiner-/Mirbachstraße (heute Bänschstraße) errichtet. Vor genau hundert Jahren wurde die Siedlung auf der Weltausstellung in Paris 1900 mit einer Goldmedaille ausgezeichnet.

In den 15 Jahren nach dem Bau der Wohnanlage wurde der Rest des Samariterviertels in Windeseile mit Mietskasernen bebaut. Dabei hatte die Häusergruppe an der Proskauer Straße als Beispiel dienen sollen, wie man bezahlbare Arbeiterwohnungen bauen kann, die - im Gegensatz zum damals üblichen Mietwohnungsbau - angenehme Wohnverhältnisse, Licht, Luft und Sonne bieten.

Den Kampf gegen die "unmenschlichen" Mietskasernen mit ihren engen Wohnungen und dunklen Hinterhöfen hatte sich der Berliner Spar- und Bauverein (BSBV) auf die Fahnen geschrieben. Mit seinem Architekten Alfred Messel (1853-1909) wurde der genossenschaftliche Verein zu einem Vorreiter des Reformwohnungsbaus.

An der Proskauer Straße baute Messel - Regierungsbaumeister und Stararchitekt der Kaiserzeit - die dritte Siedlung für den BSBV. Die Siedlung gilt als wohnreformerischer und architektonischer Höhepunkt des genossenschaftlichen Bauens. Messel verzichtete auf die größtmögliche Ausnutzung des Grundstücks und bebaute nur die Blockränder mit fünfgeschossigen Wohnhäusern, die zusammen 116 Wohnungen beherbergen. Dadurch entstand ein 40 Meter breiter, begrünter Wohnhof, der als Spiel- und Festplatz genutzt wurde und ein wahres Kinderparadies war.

Ein ehemaliger Bewohner erzählt: "An einen kalten Winterabend kann ich mich besonders erinnern: Wir harkten und glätteten die ganze Sandfläche, Herr Busse sprengte dann am späten Abend, und am anderen Tag konnten wir Schlittschuh laufen." Ein anderer Bewohner erinnert sich: "Das Schönste war: Einmal in der Woche kam der Leierkastenmann in den Hof, und der ging in alle vier Ecken und spielte seine Lieder. Und das war meine Tanzschule bei uns auf dem Hof."

Die Außenfassade gestaltete Messel im Stile der Neo-Renaissance mit vielen Giebeln, Erkern und Türmchen. Doch anders als bei den barock verzierten Mietskasernen hielt die Siedlung an der Proskauer Straße auch innen, was die üppige Außengestaltung versprach: Jede Wohnung hatte einen Balkon, eine Innentoilette und konnte quer gelüftet werden - ein damals ungewöhnlicher Komfort für Arbeiterwohnungen. Alle Wohnungen waren gleich gut ausgestattet, im vierten Stock genauso wie in der "Bel Etage". Zum ersten Mal gab es sogar eine Form von Bewohnerbeteiligung: Auf Wunsch der zukünftigen Nutzer wurden beim zweiten Bauabschnitt die Grundrisse der Küchen vergrößert. "Das Haus hat etwas Demokratisches", hieß es 1905 im Mitteilungsblatt des BSBV - eine Behauptung, die in der Hochzeit des Wilhelminismus alles andere als selbstverständlich war.

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Im Volksmund hieß die Anlage "Beamtenhaus", weil man vermutete, dass sich nur Betuchtere solch außergewöhnlichen Wohnungen leisten können. Tatsächlich waren die meisten Mieter Arbeiter, wenn auch die unterste Schicht des Proletariats kaum einziehen konnte, weil neben der monatlichen Miete auch ein Genossen- schaftsanteil von 300 Mark gezahlt werden musste. Da man aber dafür eine hohe Wohnsicherheit erhielt und mit stabilen Mieten rechnen konnte, waren die Wohnungen sehr beliebt. Auf eine Wohnung kamen zehn Bewerber. Das Los musste entscheiden.

Neben den wohnungspolitischen Zielen kümmerte sich der Bauverein um das genossenschaftliche Miteinander in seinen Wohnsiedlungen. Alte Fotos zeugen von geselligen Zusammenkünften des Sängerchors, des Rauchclubs oder des "Schachclubs Springer" sowie von bunten Kinderfesten auf dem Hof. Beispielgebend war der erste Genossenschaftskindergarten, eine Bibliothek mit Versammlungssaal, Kegelbahnen, Badestuben und Waschküchen in den Dachgeschossen. 1900 gründeten die Bewohner die Bäckereigenossenschaft "Volksbrot", die für die Mitglieder Schrippen und Brot zu günstigen Preisen herstellte. Schon 1898 eröffntete an der Ecke Schreinerstraße das Genossenschaftswirtshaus, wo "das Wirtshausleben in edlere Bahnen gelenkt" werden sollte: In einer Hausmitteilung von 1901 gibt die Verwaltung bekannt, "dass im Genossenschaftswirtshaus Schreinerstraße Meyers Konversationslexikon für jedermann zur Benutzung ausliegt."

Im Verlauf der Novemberrevolution 1918 wurde die Proskauer Straße Schauplatz von Straßenkämpfen und Schießereien. Eine damals neunjährige Bewohnerin erinnert sich: "1918 war der Aufstand, das war allerdings schlimm. Da standen Ecke Mirbach-/Proskauer Straße Geschütze auf der Promenade, da wo die Bäume aufhörten, und die schossen runter zur Frankfurter Allee. Da hieß es ,Runter vom Balkon' und ,Fenster zu' - da mussten wir auf meines Vaters Geheiß in die Küche, in die Ecke, weil sie nämlich vom Dach schossen. Nachher lag unser ganzer Balkon voller Patronenhülsen."

Ab 1933 wurden auch hier Bewohner verhaftet. NSDAP-Mitglieder erhielten Wohnungen in der Siedlung, der genossenschaftliche Gemeinschaftssinn erlahmte. Kurz vor Kriegsende, am 26. Februar 1945 wurde der Eckbau Proskauer/Mirbachstraße von Bomben getroffen und zerstört, mehrere Bewohner kamen dabei ums Leben.

Nachdem die Siedlung 1951 von der Kommunalen Wohnungsverwaltung übernommen wurde, baute man das zerstörte Eckhaus wieder auf. Der Neubau ist zwar äußerlich stilfremd, ordnet sich aber in die Struktur der Wohnanlage ein. 1991 wurde die Siedlung wieder in das Eigentum der "Berliner Bau- und Wohnungsgenossenschaft von 1892" als Nachfolgerin des BSBV rückübertragen. Mittlerweile wurden die Gebäude denkmalgerecht instandgesetzt und modernisiert.

Ein wahres Kinderparadies: Hinterhof der Wohnhausanlage um die Jahrhuntertwende
















Denkmalgerecht instandgesetzt und rückübertragen: Die Wohnhausanlage der Berliner Bau- und Wohnungsgenossenschaft von 1892 heute





Zum Weiterlesen
Eine umfangreiche Betrachtung der Siedlungsgeschichte findet sich in: Klaus Novy/Barbara von Neumann-Cosel (Hrsg.): Zwischen Tradition und Innovation - 100 Jahre Berliner Bau- und Wohnungsgenossenschaft von 1892, Edition Hentrich, Berlin 1992






Im Stile der Neo-Rennaissance gestaltet: Details einer Preisgekrönten Wohnanlage

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