Stadterneuerung  

 Vorherige SeiteNächste Seite 

Geschlossene Fenster, verrammelte Türen: Seit Ende 2002 steht das Haus Grünberger Straße 85 fast vollständig leer - und nichts passiert

Öffentlich geförderte Modernisierung

Stillstand mit Absicht?

Es ist einiges passiert in den Sanierungsgebieten Friedrichshains. Viele Wohnungen wurden modernisiert und die Fassaden bekamen ein neues Gesicht. Öffentliche Fördermittel trugen dazu bei, dass dieser Erneuerungsprozess beschleunigt wurde. Aber nicht alle Eigentümer haben es besonders eilig, denn obwohl ihnen öffentliche Mittel für die Sanierung bewilligt wurden, denken sie offensichtlich nicht daran, mit den Baumaßnahmen zu beginnen. Wegen angekündigter Baumaßnahmen sind Mieter ausgezogen, und einige warten darauf, in ihre sanierten Wohnungen zurückzukehren. Die Gebäude stehen wie ein hohler Zahl im Straßenbild, die Bausubstanz verfällt zusehends. Das betrifft etwa 500 Wohnungen in den Sanierungs- und Milieuschutzgebieten in Friedrichshain. Wie lange sich der Zustand noch hinziehen wird, ist unklar. Das ist besonders skandalös, weil dadurch öffentliche Fördergelder - gerade in der derzeitigen Finanzmisere des Landes - ungenutzt bleiben.

Die Hitze flimmert an diesem Sommertag Ende Juli in Berlin, aber im Haus Grünberger Straße 85 in Friedrichshain steht kein einziges Fenster offen. Auf den Balkonen ist auch kein Lebenszeichen zu entdecken: Nicht ein Blättchen Topfpflanzengrün lugt über die Brüstungen. Beides sind untrügliche Hinweise, dass das Gebäude leer steht. Im Hausflur liegen zerfledderte Werbezeitungen auf dem Boden und es riecht muffig, im Hinterhof stapelt sich Gerümpel. Auf einem selbstgemalten Schild wird davor gewarnt, die Haustüre offen stehen zu lassen. Im letzten Jahr hat es im Erdgeschoss gebrannt. Eine beklemmende Atmosphäre hat sich in dem verwahrlosten, totenstillen Altbau festgesetzt.

Die ersten Mieter haben das Haus schon im November 2001 verlassen, die letzten sind nach dem Brand zwischen August und Dezember 2002 ausgezogen. Seit acht Monaten steht das Haus fast leer. In dem zunehmenden Verfall harrt nur noch ein allerletzter Mieter im Vorderhaus aus und wartet auf die Sanierung. Schon mehrmals hieß es: Demnächst kommen die Bauarbeiter. Allerdings: Entsprechende Anzeichen waren nie zu entdecken. So verstrich auch der angekündigte Sanierungsbeginn am 1. Juni 2003. Wieder hat sich nichts gerührt. Nur die Zeit vergeht.

Eigentümer des Hauses Grünberger Straße 85 ist die "Gilon Grundstücks GmbH". Im Herbst 2001 wurde den Bewohnern in einer Mieterversammlung eine Sanierung mit öffentlichen Fördermitteln angekündigt. In einer zweiten Versammlung im Juli 2002 drängten die Mieter auf verbindliche Auskünfte und beschwerten sich über die dürftigen Informationen der Gilon. Einigungen über die Sanierungsdurchführung kamen lange Zeit nicht zustande. Die Mieter sahen darin eine Hinhaltetaktik des Eigentümers. Das Haus verfiel immer weiter, denn notwendige Reparaturen wurden nicht mehr in Auftrag gegeben. "Mit grundlegenden Wartungsarbeiten an der Regenrinne und der Sicherung der Haus- und Kellertüren oder gar der Installation einer Türschließanlage können wir weiterhin nicht rechnen" hieß es in einem Brief der Hausgemeinschaft.

Die verbliebenen Mieter waren die unsichere Situation und das monatelange Warten leid. In der zweiten Jahreshälfte 2002 gaben sie den Anspruch auf ihre Wohnungen auf und zogen aus.

Weiter in der nächsten Spalte Weiter in der nächsten Spalte

Seit Ende 2002 steht das Haus zu fast 100 Prozent leer. Arne Hoffmann ist der letzte Bewohner des Hauses. Er steht der Sanierung eigentlich positiv gegenüber: "Ich habe ja nichts dagegen, wenn ich im Winter keine Kohlen mehr schleppen muss, aber die Art und Weise, wie die Eigentümerin meine Interessen ignorierte, war nicht hinnehmbar." Auch sonst gab es den üblichen Ärger. Als im Januar sein Ofen kaputt ging, "ließ sich die Hausverwaltung 20 Tage für die Reparatur Zeit", berichtet Hoffmann. Auch für die Wasserschäden, die durch die Rohrbrüche im letzten Winter entstanden sind, habe sich niemand interessiert. "Jetzt schimmelt es in einigen Wohnungen fröhlich vor sich hin", so der Mieter.

Maria Döring kennt die Tücken einer verschleppten Sanierung. "Schon vor drei Jahren wurde uns die Sanierung angekündigt", sagt die Mieterin. "Aber merkwürdig: Nie wurde etwas schriftlich gegeben, sondern immer nur mündlich gestreut." Maria Döring wohnt schräg gegenüber der Nummer 85, unmittelbar am Boxhagener Platz. Dort dämmert das Eckhaus Grünberger Straße 84/Gärtnerstraße 14 mit insgesamt 40 Wohnungen vor sich hin. Im Gebäudeteil zur Grünberger Seite wohnten 1999 noch 17 Mietparteien, heute sind es nur noch drei. In der Gärtnerstraße harren zur Zeit noch sechs Mieter aus. Hauseigentümerin ist hier die "Siganadia Grundbesitz GmbH & Co. KG", die wie die Gilon zur "Unternehmensgruppe Padovicz" gehört. Ursprünglich sollte das Haus frei finanziert modernisiert werden, doch auch hier gab es dann eine Aufnahme in das öffentliche Förderprogramm. Im Mai 2002 wurde der Fördervertrag geschlossen. Seitdem stehen die Fördergelder zum Abruf bereit. Angekündigte Termine zum Baubeginn verstrichen ereignislos - der letzte am 2. Dezember 2002. Die Eigentümerin kann ganz offensichtlich die von ihr bei der Investitionsbank Berlin (IBB) beantragten Fördermittel nicht zügig deren Bestimmung zuführen. Mit dem stockenden Erneuerungsprozess wird zugleich eine Kettenreaktion ausgelöst: Die immer noch unsaniertenWohnungen können sanierungsbetroffenen Mietern aus anderen Häusern nicht angeboten werden, wodurch sich wiederum die Sanierung dieser Häuser verzögert. Das fast leer stehende Gebäude wird währenddessen zunehmend zum Schandfleck im Quartier.

Weiter mit Teil 2

Geschlossene Fenster, verrammelte Türen: Seit Ende 2002 steht das Haus Grünberger Straße 85 (Fotos oben und unten) fast voll- ständig leer - und nichts passiert

 Impressum | Inhalt ausblenden (Ohne Frames)

 Vorherige SeiteNächste Seite