Infrastruktur

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Clubs, Bolzplätze, Freiräume

Jugendliche:
Verdrängt durch die Sanierung?

In den letzten Jahren sind für die zahlreich zugezogenen Kinder in den Sanierungsgebieten viele schöne Spielplätze entstanden. Doch aus den niedlichen Kleinen werden irgendwann Jugendliche, die ganz andere Orte für sich beanspruchen. Verwilderte Brachen beispielsweise, wo sie sich mit ihrer Clique treffen und Musik hören können. Durch die Sanierung werden solche Freiräume zwangsläufig verbaut und zerstört. Die Stadterneuerung hat sich von Anfang an zum Ziel gesetzt, mehr Angebote für Jugendliche zu schaffen, doch in Zeiten leerer Kassen ist das nicht einfach. Dazu kommt, dass die Bewohner meist wenig begeistert sind, wenn irgendwo ein Bolzplatz oder eine Halfpipe für Skater gebaut werden soll. Ein Dilemma, mit dem man es nicht nur in Friedrichshain zu tun hat.

Es ist schon ein ganz besonderer Lebensabschnitt, wenn man sich allmählich vom Elternhaus abnabelt und seinen eigenen Weg sucht. Über 14-Jährige wollen sich ihre eigenen Plätze und Nischen erobern, ohne dass ihnen jemand Vorschriften macht. „Die machen sich selber ihre Regeln, es ist ein Gefühl, dass einem die ganze Welt gehört“, sagt Gisela Wendrock, Leiterin des Suchtpräventionsprojekts „Bö-9“. In der Großstadt, so sagt sie, ist der Platz ohnehin begrenzt und eingeengt: „Man kann Jugendliche nicht einfach verbannen, sonst darf man sich nicht wundern, wenn sie Blödsinn machen“. Stattdessen müsse man ihnen Orte anbieten, wo sie sich aufhalten und ihre Freizeit kreativ gestalten können.

In der Kontakt- und Beratungsstelle in der Böcklinstraße 9 im Sanierungsgebiet Traveplatz/Ostkreuz bekommen die Jugendlichen Unterstützung in Konfliktsituationen. Sie können aber auch einfach abhängen und kickern oder gemeinsam kochen. Viele kommen aus der Graffiti-Szene, die Projektleiterin besorgt ihnen mit viel Engagement öffentliche Flächen, wo sie legal sprühen können. Eines der Kunstwerke ist auf dem Spielplatz in der Wühlischstraße, Ecke Böcklinstraße zu bewundern. Wer auf diese Weise Bestätigung erfährt, rutscht nicht so leicht in Kriminalität oder Drogen ab. Obwohl die Arbeit der Bö-9 von allen Seiten hoch geschätzt wird, ist ihre Zukunft ungewiss. Die Mittel für das senatsgeförderte Jugendprojekt wurden zum September 2005 komplett gestrichen. Hintergrund ist die Einrichtung einer zentralen Drogenfachstelle durch den Senat. Im Gegenzug müssen sieben Suchtpräventionsprojekte in Berlin schließen. Die rührige Leiterin hat sich nun auf die Suche nach einer anderen Finanzierungsquelle gemacht. Weil das Haus saniert wird, mussten zudem neue Räume angemietet werden. Und die fanden sich zum Glück gleich um die Ecke, denn obwohl die Bö-9 kein Kiezprojekt ist und Jugendliche aus der ganzen Stadt anzieht, ist man mittlerweile doch an den Standort gebunden. Demnächst wird nämlich in der Wühlischstraße 54/Böcklinstraße 11 ein neuer Freizeitplatz eröffnet. Eigentlich ist es ein Platz für Jugendliche, doch am Rand gibt es Stellwände und eine Mauer, wo sich die Sprayer nach Herzenslust austoben können.


Angebot für kreative Freizeitgestaltung:
Bö-9-Projekte

„Es wäre natürlich absurd, wenn wir jetzt dicht machen müssten, aber ich bin optimistisch, dass es irgendwie weiter geht“, sagt Wendrock. Für Kinder gebe es mittlerweile genug Angebote, jetzt müsste endlich mal was für die Jugendlichen getan werden, findet sie. Das kann man in der bezirklichen Jugendförderung bestätigen. „Für Kinder ist die Grundversorgung gesichert, für Jugendliche nicht“, erklärt Uwe Wunderlich. Er ist Koordinator des so genannten Sozialraums, zu dem auch das Samariterviertel gehört.


Toleranz vermittelt: Der "Skandal" ist beliebter Treffpunkt bei bosnischen Jugendlichen

Der rechnerische Bedarf an Plätzen in Jugendeinrichtungen wird bei weitem nicht erreicht. Auf Grund der Einsparungen und Umstrukturierungen wurden seit Mitte der 90er Jahre etliche Schüler- und Jugendclubs geschlossen, andere mussten umziehen, wie zum Beispiel der Mädchentreff „Phantalisa“, der vom Samariterviertel ins Regenbogenhaus in der Kadiner Straße umgezogen ist. „Das war schon ein schmerzhafter Einschnitt, aber immerhin haben die freien Träger jetzt Planungssicherheit und müssen nicht jedes Jahr um die Mittel zittern“, sagt Wunderlich. Pro Sozialraum wird prinzipiell nur noch eine Kinder- sowie eine Jugendeinrichtung finanziert. Das Problem: Oft sind die Clubs von einer bestimmten Gruppe besetzt und andere gehen dann nicht mehr hin.

Auch im Jugendclub „Skandal“ in der Gryphiusstraße hat man damit zu kämpfen. Hierher kommen viele männliche Jugendliche bosnischer Herkunft. „Sie sind bei uns willkommen, aber wenn alle 40 da sind, fühlen sich die anderen an den Rand gedrängt“, erklärt die Leiterin Marion Kondler. Durch gute Zusammenarbeit mit anderen Clubs und mit den Streetworkern von „Outreach“ konnte man der Abgrenzung entgegensteuern. Die Leute von Outreach nehmen sie auch mal mit zum Jugendfreizeitschiff in Stralau oder machen mit ihnen Ausflüge.


Keine Lust auf "Sozialarbeitergequatsche": die Skater vom Frankfurter Tor

Der „Skandal“am Ostkreuz ist der größte Club weit und breit, und bis zur Eröffnung des Schiffs vor zwei Jahren war er auch der einzige. Die Stellensituation der bezirklichen Einrichtung ist relativ gut und es gibt viel Platz für die verschiedenen Angebote. In einem großen Veranstaltungsraum finden Konzerte oder Theateraufführungen statt, in der Küche wird regelmäßig gekocht, es gibt ein Tonstudio und einen Hausaufgabenraum. Im Sommer können die Jugendlichen im Garten Tischtennis oder Basketball spielen. „Wir haben hier ein sehr familiäres Verhältnis, viele kommen fast täglich hierher und das über Jahre hinweg“, berichtet die Leiterin. Die meisten sind zwischen 17 und 19 Jahre alt. Einige, aber längst nicht alle, kommen aus schwierigen familiären Verhältnissen und haben erheblichen Betreuungsbedarf. Gemeinsam unternimmt man Ferienfahrten oder sitzt bei Grillabenden zusammen. Auf großes Interesse stieß auch das Projekt „Antifaschistische Spurensuche mit Zeitzeugen“. Die jungen Leute trafen sich über eine längere Zeit mit einem Überlebenden des Nazi-Regimes und dokumentierten seine Erinnerungen anhand von Fotos und Tonbandaufnahmen.„ Den Jugendlichen Toleranz und ein gutes Miteinander zu vermitteln, ist uns ganz wichtig“, erklärt die Leiterin.

„Entscheidend ist, dass die Jugendlichen mitbestimmen können und nichts vorgesetzt bekommen“, so Marion Kondlers Erfahrung. Darauf führt sie auch zurück, dass es im Skandal kein Problem mit Vandalismus oder Schmierereien gibt. Bei der Bemalung der Fassade haben die Kids ebenso mitgemacht wie bei der Renovierung der Toiletten. Und so kommt es, dass die Wand der Mädchen- und Jungentoiletten mit den Köpfen der fleißigen Helfer bemalt ist.

Doch nicht jeder Jugendliche will in einen Club. Die Skater, die sich regelmäßig am Frankfurter Tor treffen, haben darauf keinen Bock. „Zu langweilig, außerdem hab ich keine Lust auf Sozialarbeitergequatsche“, meint einer. Es müsste in Friedrichshain viel mehr Fußballplätze geben, die nicht zu einem Verein gehören, finden sie. Und natürlich Skaterrampen. Die neue Skaterhalle in der Revaler Straße sei „klasse“, aber für jeden Tag zu teuer. Was sie sich sonst noch wünschen? „Dass wir in Ruhe gelassen werden, es nervt, wenn dauernd die Polizei gerufen wird.“

In Friedrichshain gibt es mehrere solcher informellen Treffpunkte, beispielsweise Basketballtreffs wie auf dem Schulhof des Gymnasiums in der Schreinerstraße. Das geht nicht ohne Konflikte ab, vor allem, wenn es große Gruppen sind, die ihre Ghettoblaster dabei haben oder Alkohol trinken.

„Wir haben Verständnis für die Anwohner, aber Jugendarbeit versteht nicht in der Vertreibung von Jugendlichen“, betont Uwe Wunderlich vom Bezirksamt. Kompromisse müssen gefunden werden, die beiden Seiten Rücksichtnahme und Toleranz abverlangen. Im Fall der Skater vom Frankfurter Tor vereinbarte man bei einem Treffen mit Anwohnern, dass die Jugendlichen bestimmte Zeiten einhalten müssen. „Das klappt nicht immer, insgesamt sind das sehr mühsame Annäherungsprozesse“, so Wunderlich.




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Der Traveplazu vor dem Umbau

Das Absurde: Je unangenehmer die Jugendlichen auffallen, desto größer sind ihre Chancen, dass die Jugendförderung doch noch Gelder locker macht. Als eine Clique vor ein paar Jahren in der Schreinerstraße 45/46 wiederholt über die Stränge schlug, wurde ihnen ein Sozialarbeiter vom Straßensozialprojekt„Outreach“zur Seite gestellt (siehe rechte Seite: „Von der Brache in den Container“). Auch mit der Betreuung von etwa 30 auffälligen Jugendlichen bosnischer und kosovo-albanischer Herkunft beauftragte das Bezirksamt Outreach. Früher traf die Gruppe sich in den Colbehöfen, wo einige von ihnen auch wohnen. Als dort saniert wurde, zogen sie zum Ostkreuz. Es sind Jugendliche mit schweren Kriegstraumata, was sich mitunter auch in aggressivem Auftreten Luft verschafft, erklärt Ulrike Strohmenger von Outreach. Durch ihren ungeklärten rechtlichen Aufenthaltsstatus fehlt ihnen jegliche Perspektive.


Klasse - aber fürs tägliche Skaten zu teuer:
die kommerzielle Halle in der Revaler Straße

Aus den speziellen Maßnahmen für Jugendliche ohne Schulabschluss fallen sie raus. Sportvereine können sie sich genau so wenig leisten wie die vielen Kneipen rund ums Ostkreuz. Dazu kommt ihr starker Gruppenzusammenhalt:„ Sie grenzen sich stark gegenüber deutschen oder türkisch-arabischen Jugendlichen ab und würden zum Beispiel nie in den Jugendclub Liebig 19 gehen, weil dort überwiegend türkische und arabische Jungs sind“, erzählt die Streetworkerin. Dem Outreach-Team – darunter auch ein bosnischsprachiger Kollege – gelang es schließlich, die Jugendlichen zu Freizeitaktivitäten zu motivieren. Sie nahmen an Volleyballturnieren und Graffiti-Workshops teil, gemeinsam unternahm man Ausflüge nach Kreuzberg oder Groß-Glienicke.„Das waren ganz wichtige Erfahrungen für sie, vorher sind sie nie aus ihrem Kiez rausgekommen“, so Strohmenger. Doch je erfolgreicher die Arbeit von Outreach ist und je mehr es gelingt, die rebellischen Kids einzubinden, desto eher droht die Streichung der Finanzierung – eine fast schon zynische Logik.


Informelle Treffs sind auch beliebt: Bolzplatz an der Knorre

Während die Jugendförderung nur noch für solche „Feuerwehrmaßnahmen“ Geld hat, ist es in den Sanierungsgebieten immerhin möglich, Städtebaufördermittel einzusetzen. Viel kann man darüber zwar nicht finanzieren, es sei aber besser als nichts, meint Genia Krug von STATTBAU: „Ich hätte auch gerne noch einen großen, bestens ausgestatteten Jugendclub, aber von diesen Träumen müssen wir uns verabschieden.“ Für das Samariterviertel waren ursprünglich zwei weitere Jugendeinrichtungen geplant, in der Pettenkofer und in der Rigaer Straße. Mittlerweile musste dieses Sanierungsziel gestrichen werden. Allerdings standen Jugendliche bisher auch nicht im Mittelpunkt der Stadterneuerung. „Zuerst musste etwas für die Kinder gemacht werden, hier war die Unterversorgung am krassesten“, erklärt Genia Krug. Außerdem ist es einfacher, ein Angebot an Freiflächen zu schaffen, als eine ganz neue Einrichtung zu bauen – denn dafür sind ganz andere Investitionen erforderlich.

Soviel ist mittlerweile klar: Will man die Familien im Kiez halten, muss mehr für die Altersgruppe der 14 bis 19-Jährigen getan werden. Bei STATTBAU setzt man vor allem auf die zeitlich befristete Nutzung von Brachen. Derzeit in Planung – aber noch nicht spruchreif – ist eine simple Grünfläche mit Angeboten für Jugendlichen, betreut von einem freien Träger. Den Bedürfnissen der Jugendlichen kämen solche Provisorien durchaus entgegen. Statt perfekter Einrichtungen wünschen sie sich vor allem mehr Freiräume.

Szenenwechsel:
Vom Gelände des jetzigen Beachvolleyballplatzes (Schreinerstraße)...


... in die Bänschstraße 8-10




Von der Brache in den Container

Kürzlich wurde in der Bänschstraße 8-10 ein ungewöhnlicher Jugendtreffpunkt eingeweiht: ein Container. Er ist das Ergebnis mehrjähriger Bemühungen, Jugendliche trotz Sanierungsmaßnahmen nicht zu vertreiben. Die Clique, für die der Container gedacht ist, traf sich früher auf dem Brachengrundstück in der Schreinerstraße 45/ 46. Dort hatten sie sich sogar eine einfache Hütte gezimmert. Ein Straßensozialarbeiter von„Outreach“ betreute die Gruppe. Zeitweise standen dort 40 Jugendliche zusammen, hörten Musik und tranken Bier – sehr zum Leidwesen der genervten Anwohner. Als auf dem Grundstück der dringend benötigte Ballplatz im Sanierungsgebiet gebaut wurde, mussten sie ihr Domizil aufgeben. Das ging nicht ohne Konflikte ab: „Für die Jugendlichen war das ihr Platz. Von dem wollten sie sich nicht einfach vertreiben lassen“, sagt der Streetworker von Outreach, Hans Spoelstra. In Jugendclubs gehen „seine“Jungs prinzipiell nicht, weil es da zu viele Regeln gibt. „Irgendwo müssen sie ja schließlich hin, sonst braucht man sich nicht zu wundern, wenn sie aggressiv reagieren“, sagt der Sozialarbeiter.

Die Sanierungsverwaltungsstelle und die Sanierungsbeauftragte STATTBAU bemühten sich, einen Ersatzstandort zu finden. Schließlich stieß man auf das Grundstück in der Bänschstraße 8-10, wo sich auf dem Hof eine seit langem ungenutzte Baracke befindet. Die Eigentümerin, die Wohnungsbaugesellschaft Friedrichshain (WBF), war bereit, die Baracke praktisch kostenlos zur Verfügung zu stellen. Als dann schon fast alles unter Dach und Fach war, kam es in der Baracke zu einem Wasserschaden. Ein Teil des Gebäudes wurde dadurch unbenutzbar. Die Lösung: Ein einfacher Container, der im Winter beheizbar ist, wurde auf dem Hof aufgestellt. Ein Pachtvertrag zwischen STATTBAU und der WBF wurde geschlossen, wobei STATTBAU dann wiederum mit dem Träger von Outreach, dem „Verband für Sozial-Kulturelle Arbeit“ eine Nutzungsvereinbarung abgeschlossen hat. Die Betriebs- und Heizkosten sowie der Container selbst werden aus Mitteln der Stadterneuerung bezahlt. „Alles Weitere müssen die Jugendlichen selbst organisieren. Was sie aus den Räumen machen, ist ihre Sache“, so Joachim Brandl von STATTBAU. Für die Beteiligten der Stadterneuerung ist es ein Experiment: Aus einem informellen Treffpunkt wird mit geringem finanziellen Aufwand ein halböffentlicher. „Wir sind gespannt, wie’s läuft“, so Brandl. Auch die Reaktion der Anwohner – ein Wohnhaus grenzt unmittelbar an das Grundstück – bleibt abzuwarten. Zur Einweihung waren die Nachbarn jedenfalls eingeladen.

Noch ist einiges zu tun. Die Baracke muss entrümpelt werden, ein paar Sitzgelegenheiten müssen her. „Der Treffpunkt muss sich auch noch herumsprechen, das wird eine Weile dauern“, meint Hans Spoelstra. Wenn wirklich alle 40 aus der Clique kommen, wäre es im Container ziemlich voll. An einen offenen Treffpunkt ist allerdings sowieso nicht gedacht. Die Jugendlichen könnten sich vorstellen, in der Baracke gelegentlich Filme zu zeigen. Ein Videobeamer ist vorhanden. Eine andere Idee ist die Einrichtung eines Sportraumes. Klar ist, dass die Jugendlichen die Räume nur nutzen können, wenn ein Mitarbeiter von Outreach dabei ist. „Ob sie diesen Treffpunkt wirklich annehmen werden, müssen wir abwarten“, betont Spoelstra.

Auf ihrem einstigen Treff in der Schreinerstraße, wo heute Beachvolleyball gespielt wird, sind auch jetzt noch die Köpfe der Jugendlichen und ihrer Hütte auf einem Brandwandgemälde zu sehen. Bei der Aktion haben die Jugendlichen zusammen mit einer Künstlerin die Wand besprüht.

Je mehr in den Sanierungsgebieten gebaut wird, um so enger werden die Spielräume:
Jugendliche am Frankfurter Tor

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