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Warschauer Straße
Im Dschungel von Spekulation und Profit
Die Berliner Stadtmauer verlief bis 1868 entlang der heutigen Marchlewskistraße (früher: Memeler Straße) und der südlichen Warschauer Straße. Östlich von dieser Grenze breiteten sich Gärten und Felder aus, obwohl das Terrain schon lange in das Berliner Stadtgebiet einbezogen war. Westlich der Stadtmauer lag das Bahnhofsviertel mit dem 1841 erbauten Frankfurter Bahnhof und dem Ostbahnhof, der 1867 hinzu kam. Einwandererströme aus Schlesien, Ostpreußen und Posen kamen hier an. Schlafburschen mieteten sich in den überbelegten Arbeiterwohnungen ein. Düstere Spelunken, Handwerksbetriebe und Fabriken, Armut und Kriminalität prägten die Gegend. 1869 entstand mit den Werkstätten der Königlichen Ostbahn an der heutigen Revaler Straße ein Industrieunternehmen, das spätere Reichsbahnausbesserungswerk.
Am Ende des 19. Jahrhunderts erfolgte dann auf einem bislang gärtnerisch genutzten Land, auf den Kavelländern, den Berliner Bürgerwiesen, die Anlage der Warschauer Straße. Sie geht auf den Hobrecht-Plan von 1861 zurück, in dem sie als Straße 11 der Abt. XIV projektiert wurde. Die Straße ist eine Neuschöpfung, der kein traditioneller Weg vorausging. Lediglich eine südliche 200 Meter lange Strecke entlang der Stadtmauer, die sogenannte "Communication", bestand schon.
Mit königlicher Order vom 23. Februar 1874 wurde die Warschauer Straße in Anlehnung an die nach Osten verlaufende Bahnlinie benannt und 1875 in das Berliner Straßenverzeichnis aufgenommen, aber noch war von der Straße nichts zu sehen. Zunächst musste das Straßenland vom Magistrat erworben werden. Zugleich griffen Bankiers, Kaufleute und einige Handwerker nach dem nun als Bauland im Wert steigenden Acker. Im Norden an der Frankfurter Chaussee existierte bereits bis zur Boxhagener Straße, einem alten zur Chaussee ausgebauten Landweg, eine vorstädtische Wohnbebauung innerhalb großflächiger Gärtnereien. Im Süden, am heutigen Warschauer Platz, stand ein Wasserwerk, und ringsum befanden sich die Holzplätze der Gebrüder Cassirer, die sich als Kunsthändler und Verleger bald einen Namen machten. Zwischen 1887 und 1889 entstanden dort erste Mietshäuser, während die Bebauung am nördlichen Ende erst 1896 einsetzte. Die Brüder Buggenhagen, Julius Cassirer, Kaufmann Guttmann und Zimmerermeister August Schultz waren daran beteiligt.
Georg Göttling, ein Berliner Bankier, war der "Anführer" der Spekulanten ? heute sagt man: Investoren. Ihm gehörte bald etwa die Hälfte des an der Warschauer Straße gelegenen Baulandes, aber auch große Flächen im Hinterland an der Gubener Straße und der Libauer Straße. Beispielhaft sei das Haus Warschauer Straße Nr. 26 erwähnt. Göttling parzellierte es aus einem größeren Flurstück und verkaufte es 1899 an den Maurermeister Karl Walter, der umgehend ein stattliches Mietshaus mit neobarocker und Jugendstil-Fassade errichten ließ. Erker, Masken, Stuck, geschweifter Giebel und schmiedeeiserne Balkone sind saniert. Damit ist dieses Haus als einziges der ganzen Straße im weitgehend originalen Zustand erhalten. 1909 wurde in der Kneipe ein Kino mit 162 Sitzplätzen von C. Gabriel eingerichtet. Als Elektra-Lichtspiele bestand es bis 1960. Auch auf der gegenüberliegenden Straßenseite hatte Göttling seine Finger im Spiel. Das Eckhaus Nr. 64 an der Kopernikusstraße ließ er 1898 errichten und verkaufte es anschließend. Einige Häuser weiter befand sich um 1910 ebenfalls ein Straßenkino.
So ist die Warschauer Straße ein schönes Beispiel dafür, wie die Reichen immer reicher und die Armen ärmer wurden, denn den Leuten, die hier wohnten und schufteten, gehörte bis auf ihre Arbeitskraft und ihr Mobiliar nichts. Die Grundstücke und Wohnhäuser besaßen dagegen meist Vornehmere aus Zehlendorf, Charlottenburg, Lichterfelde, der Kreuzberger Luisenstadt oder sogar aus Amerika.
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Die boulevardhafte Straße legte sich bis 1905 eine gutbürgerliche Fassade zu, aber das proletarische Milieu ihrer Hinterhöfe schimmerte überall durch. Unruhige Ziergiebel in den Dachbauten sollten die Berliner Bauordnung mit ihrer Maximalhöhe austricksen und zusätzlichen Dachwohnraum schaffen. Auf den Hinterhöfen wurden Etagenfabriken der Holz- und Metallverarbeitung errichtet, und sogar eine Schule wurde etwa 20 Jahre lang aus Mangel an geeigneten Baulichkeiten in einem Mietshaus eingemietet. Tischlereien waren in den Etagenfabriken zwischen Revaler und Boxhagener Straße konzentriert.
Während auf den Häfen gesägt, gehämmert und geschliffen wurde, gehörte die Ladenzone der Vorderhäuser den Händlern. Vor allem Grünkram-, Zigarren-, Kolonialwaren-, Seifen-, Schuh-, Papier- und Weinhandlungen dominierten, womit deutlich wird, dass diese Geschäfte vor allem der Versorgung der nahen Wohnbevölkerung dienten, aber kaum eine Bedeutung über diese Stadtgegend hinaus hatten. Dies änderte sich erst am Ende der 20er Jahre, als Radio-, Tapeten-, Linoleum-Geschäfte auch einen weitläufigeren Kundenkreis ins Auge fassten. In DDR-Zeiten entwickelte sich die Warschauer mit Foto-, Lampen-, Textil-, Uhren-, Elektronik-, Orthopädie- und Schallplattenläden zu einer bekannten Einkaufsmeile, wenn sie auch kaum eine größere Ausstrahlung erreichte.
Wer wohnte in dieser Straße? Es waren Tischler, Eisenbahnarbeiter, Kutscher, Weber, Schlosser, Maurer, Fleischermeister, Prokuristen, Kaufleute, Magistratsbeamte, Schneidermeister und Lehrer. Überwiegend waren es Arbeiter, aber auch kleinere Beamte, Handwerker und Kaufleute. Das Flair der Straße wurde neben ihren drei Kinos von den etwa 30 Kneipen geprägt, von denen das "Hackepeter" (Nr. 7), "Alfred Schröter" (Nr. 64), Cafe "Komet" (Nr. 33) und der "Gasthof zum Eichenhof" (Nr. 36) erwähnt seien. Dies war also die Kultur der Warschauer Straße. Bis 1933 gehörten sozialdemokratische, kommunistische und vor allem anarchistische Gruppen zu den bodenständigen politischen Strömungen. Die anarchistische FAUD war in dieser Gegend stark verankert, besaß viele Sympathien. Sie hatte in den Nebenstraßen zahlreiche Lokale, während in der Warschauer Straße ihre Zeitung "Syndikalist" herausgegeben wurde und sich dort auch eine anarchistische Buchhandlung befand. Um die Häuserwände der Warschauer pfiff der Wind der Radikalität und des Widerstandes. Das merkten schon im März 1919 die konterrevolutionären Noske-Truppen, als ihnen hier bewaffnete Arbeitergruppen tagelang Paroli boten. Unter der Nazi-Herrschaft war zwar das offizielle Bild von Anpassung bestimmt, aber in den Häusern wohnten oder arbeiteten auch Antifaschisten wie Heinrich Thieslauk (Nr. 60), Herbert Firl (Nr. 47) und Gerhard Hein (Nr. 58). Die jüdischen Bewohner der Warschauer Straße waren Kaufleute wie Ignaz Dlusnieweski (Nr. 13), Ärzte wie Hildegard und Norbert Landecker (Nr. 1) oder Eigentümer wie Oskar Winterhelt (Nr. 70). Emigration, Freitod oder Auschwitz war ihr Schicksal in den Jahren 1933 bis 1950. Nachdem der Widerstand gebrochen und die jüdischen Bewohner vertrieben waren, kam der Tod auch in die Warschauer Straße. Der Bombenangriff vom 3. Februar 1945 hat bis heute seine Spuren (Nr. 63, 12, 70, 17, 18, 49) hinterlassen.

Proletarisches Milieu, gutbürgerliche Fassade: die Warschauer Straße
um 1908
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Wind der Radikalität und des Widerstands: Barrikade konterrevolutionärer Noske-Truppen im Kampf gegen Arbeiter in der Warschauer Straße (März 1919)
Der Autor dieses Beitrags, Wanja Abramowski, ist Historiker und lebt in Friedrichshain.
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